Tepetlacalli – eine Steintruhe der Mexica


Diese wertvolle Steintruhe vom Anfang des 16. Jahrhundert erzählt viel über das Weltbild und die Kosmologie des Alten Mexiko.

Moctezuma II., der vorletzte Herrscher der Mexica (auch Aztek:innen genannt), gibt sie vermutlich in Auftrag.  

Ein Meisterwerk der Steinmetzkunst entsteht - mit Datumszeichen und Darstellungen mythischer und historischer Personen und Gottheiten.

Die Truhe besitzt auf jeder Seite feine Reliefdarstellungen- selbst innen und auf der Unterseite.

Objektdaten
Ereignis:

Herstellung: vermutlich um 1502-1520,
Erwerb: 1880 angekauft durch Albert Hackmack von Juan Borges
Eingang Museum: Ankauf 1900 von Albert Hackmack

Herkunft:

Tal von Mexiko

Material:

graugrüner Stein

Hersteller:in:

Künstler:innen der Mexica

Grösse:

H: 15cm, B: 21cm, L: 33,5cm, Gewicht: 20kg

Inventarnummer:

B 3767

Die Reliefdarstellungen
und Einritzungen sind
typische Elemente der
Mexica-Steinbildhauerei.
Die Bildhauer:innen haben
sie äußerst kunstfertig
in den graugrünen Stein
gearbeitet und diesen
sorgfältig poliert.
 
Ein Meisterwerk der Steinmetzkunst 

Die Mexica, wie sich die Aztek:innen selbst bezeichneten, beherrschten etwa zwischen dem 14. bis Anfang des 16. Jahrhunderts das Tal von Mexiko, wo sich ihre Hauptstadt Tenochtitlan befand.
Sie waren berühmt für ihre herausragende und monumentale Steinmetzkunst, insbesondere in der letzten, imperialen Phase des Mexica-Reiches, etwa zwischen 1480 bis zur Ankunft der Spanier:innen im Jahr 1519.  
 
Schlangenskulptur der Mexica mit roten Farbresten, MARKK Inv. Nr. B 3637
Tepetlacalli – Steintruhe der Mexica, MARKK Inv. Nr. B 767


Diese Steintruhe der Mexica stellt sicherlich die schönste und bedeutendste ihrer Art weltweit dar. Sie zeigt Reliefdarstellungen auf acht Seiten. Sie beinhalten Glyphen (Schriftzeichen) mit Datumsangaben der verschiedenen Mexica-Kalender. Aber auch mythische und historische Figuren sind abgebildet.
 
Die Mexica nannten solche Steintruhen in ihrer Sprache, dem Nahuatl, „tepetlacalli“. Nahuatl wird bis heute von den Nachfahr:innen der Mexica, den Nahua, in Mexiko gesprochen. Der Begriff besteht aus zwei Wörtern, „petlacalli“: Schachtel mit Deckel aus Pflanzenfaser, in der wertvolle Gegenstände aufbewahrt werden, und „tetl“: Stein. Ein "tepetlacalli" war also eine Steinkiste oder -truhe, die zur Aufbewahrung äußerst wertvoller Dinge diente, beispielsweise der Asche verstorbener Herrscher, ritueller Gegenstände oder Blutopfer.
Auf der Oberseite des Deckels ist prominent eine hinabstürzende gefiederte Schlange, Quetzalcoatl dargestellt. Sie symbolisiert auch die gleichnamige Gottheit und den mythischen Herrscher Quetzalcoatl. Die beiden Datumsglyphen daneben, Ce Acatl (Eins Schilfrohr) und Chicome Acatl (Sieben Schilfrohr) beziehen sich auf das mythische Geburts- und Todesjahr Quetzalcoatls. Gleichzeitig verweist das Zeichen Eins Schilfrohr auch auf die mythische Rückkehr des Quetzalcoatl sowie das Jahr 1519, das Jahr der Ankunft des Spaniers Hernán Cortés in Mexiko. Später schlossen spanische Chronisten daraus, dass Moctezuma II. in Cortés den zurückgekehrten Quetzalcoatl gesehen habe. 


Doch woher stammt die Truhe eigentlich und wie kam sie ins Museum?
Leider ist über ihre Provenienz und Herkunft kaum etwas bekannt. Albert Hackmack, ein Deutsch-Mexikaner hat sie dem damaligen Museum für Völkerkunde Ende des 19. Jahrhunderts zusammen mit einer großen Sammlung mexikanischer Altertümer angeboten. Aus diesem Grund ist die Truhe auch als „Hackmack’sche Steinkiste“ bekannt. Das Museum erwarb sie im Jahr 1900. Hackmack befand sich damals in Mexiko und war offenbar für die Banco de Londres y Mexico tätig. Er soll die Truhe 1880 in Mexiko-Stadt von einem Juan Bajes oder Borges gekauft haben. Davor verliert sich ihre Spur. Trotz erster Regelungen zum Altertumsschutz in Mexiko wurden damals im großen Stil Altertümer außer Landes gebracht.


Detailfoto der Vorderseite


Auf dieser Längsseite ist wahrscheinlich der Mexica-Herrscher Moctezuma II. dargestellt, zu erkennen an dem Namenszeichen links neben seinem Kopf. Es besteht aus drei Herrscherinsignien: einem Türkisdiadem, einem Ohr- und einem Nasenschmuck. Er sticht sich mit einem Dolch ins Ohrläppchen und bringt ein Blutopfer dar, das den Kreislauf der Welt aufrechterhalten sollte. Vermutlich hat Moctezuma II. die Truhe auch in Auftrag gegeben. Sie könnte zur Aufbewahrung der Utensilien für das Blutopfer gedient haben.

Darstellung von Moctezuma II. mit Namensglyphe (links oben), Codex Mendoza um 1541/42. Bodleian Library Oxford 
 

Auf dieser Längsseite ist Quetzalcoatl, eine der bedeutendsten Gottheiten der Mexica zu sehen. Er trägt einen Bart, ein Jaguargewand und in der rechten Hand einen Beutel mit Quasten für Kopalharz. Das Datumszeichen Ce Acatl (Eins Schilfrohr) rechts neben der Figur deutet darauf hin, dass hier auch der vergöttlichte toltekische Herrscher Ce Acatl Nacxitl Topiltzin Quetzalcoatl gemeint ist. Quetzalcoatl galt auch als Gott der Herrschaft und wurde anlässlich von Thronbesteigungen verehrt. 

Auf den kurzen Querseiten sind zwei Datumsglyphen mit Jahreszeichen abgebildet: Ce und Nahui Tochitl (Eins und Vier Kaninchen). Eins Kaninchen bezieht sich auf das mythische Jahr der Erschaffung der Erde und gleichzeitig auf das Jahr 1506, möglicherweise das Jahr, in dem die Truhe hergestellt wurde. Für das Datum Vier Kaninchen gibt es bislang keine plausible Deutung.


 
Innenseite der Truhe mit Alligator

Ein Alligator schmückt die untere Innenseite der Truhe. Er gehört zu dem Datumszeichen: Ce Cipactli oder Eins Alligator, dem ersten Tag des rituellen Kalenders der Mexica. Dieser war der bevorzugte Tag für Selbstopfer und die Krönung der Herrscher. Zudem war der Alligator mit der Erde verbunden und bildete damit den Gegenpol zur Himmelsdarstellung auf der Innenseite des Deckels. 


Innenseite des Deckels


Hier ist ein Totenschädel mit Ohrpflock und Kopfschmuck abgebildet, umgeben von einem Ring aus Kreisen, die wahrscheinlich die Sterne und den Nachthimmel symbolisieren. Vermutlich wurde damit ein Bezug zum religiös wichtigen Morgen- oder Abendstern und zu den Ahn:innen und verstorbenen Herrschern der Mexica hergestellt.  
 
Unterseite der Truhe


Tlaltecuhtli, eine mächtige und furchterregende Erdgottheit, nimmt die gesamte Unterseite der Truhe ein. Sie ist hockend dargestellt mit gespreizten Beinen und erhobenen Händen, langen Krallen und Monsterköpfen. Auf ihrem Gürtel prangt ein Totenkopf. Vom Kopf ist vor allem der nach oben geöffnete Schlund mit vier herausragenden Opfermessern zu sehen.

Tlaltecuhtli wurde als Quelle des Lebens verehrt und bewohnte die untere Welt. Die Gottheit verschlingt die Toten, aber auch Blut und Menschenopfer, um neues Leben hervorzubringen. Ihr Geschlecht ist nicht eindeutig, denn sie hat sowohl weibliche als auch männliche Attribute.

Darstellung von Tlaltecuhtli, Anfang 16. Jh., Codex Borbonicus, Bibliothèque de l'Assemblée Nationale in Paris
Insgesamt stellt die Truhe eine Art Kosmologie im Kleinformat dar. Form und Darstellungen sind perfekt aufeinander abgestimmt. Sie repräsentiert
komplexe religiöse und kosmologische Vorstellungen, die auch mit historischen Ereignissen verknüpft sind. Moctezuma II. wird darin als wichtiger Vermittler zu den Gottheiten und im Weltenkreislauf hervorgehoben.

Alle Objektfotografien (außer Detailfoto der Vorderseite):
Paul Schimweg, MARKK

Detailfoto der Vorderseite:
Jeanette Favrot Peterson

Brief Albert Hackmack:
Dokumentenarchiv, MARKK

Landkarte:
De File:Lago de Texcoco-posclásico.png: YavidaxiuFile:Valley of Mexico c.1519-fr.svg: historicair 13:51, 11 September 2007 (UTC)obra derivada: Sémhur - File:Lago de Texcoco-posclásico.png, itself from :(fr) Niederberger Betton, Christine (1987) Paléo-paysages et archéologie pré-urbaine du Bassin de Mexico, México: Centro de estudios mexicanos y centroamericanos (CEMCA), pp. 500 ISBN: 3785726.File:Valley of Mexico c.1519-fr.svg, itself from :(en) Coe, Michael; Snow, Dean; Benson, Elizabeth (1986) Atlas of Ancient America, Category:New York: Facts On File, pp. 240 ISBN: 978-0816011995.(en) Townsend, Richard F. (1992) The Aztecs, Londres: Thames & Hudson, pp. 224 ISBN: 978-0500021132.(es) This picture incorporates information from La cuenca de México, special edition of Arqueología Mexicana, july-august 2007, Mexico (in particular, the Enrique Vela's maps of the pages 70 and 60, based on Sanders et al. The Basin of Mexico, 1979).(es) This picture incorporates information from this version of the article Lago de Texcoco on the Spanish Wikipedia., CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=9263087

Zeichnung Moctezuma, Codex Mendoza:
Von Autor/-in unbekannt - Codex Mendoza, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=4433174

Zeichnung Tlaltecuhtli, Codex Borbonicus:
By Pestocavatappi - Own work, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=73591019 

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